Ein geeintes Amerika hat es nie gegeben

Heike Buchter, Die Zeit:

Heute ist es schwer, noch US-Amerikaner zu finden, die zuversichtlich nach vorn blicken. Das hat viele Ursachen. Ein maßgeblicher Auslöser für den aktuellen Unfrieden und die Zerrissenheit des Landes ist jedoch die Finanzkrise 2008. Viele US-Bürger haben sich nie wirklich von diesem Schlag erholt. Millionen verloren nicht nur ihren Job und ihre Ersparnisse, sondern auch ihr Heim.

Die korrodierende Wirkung, die auch seither weiter anhält, kommt jedoch von der Reaktion der Politik auf die wirtschaftlichen Verheerungen. Präsident Barack Obama, der einst im Wahlkampf Hilfe und Hoffnung versprochen hatte, rettete stattdessen die Banker und die Finanziers, die für die Krise verantwortlich waren. Hilfen für die Millionen von Menschen, die mit ihrem Haus auch ihre Zugehörigkeit zur Mittelschicht verloren hatten, blieben aus. Die Folge: Ein wichtiger Teil der Gesellschaft, der das System stützte, verlor den Glauben an Politiker, an Parteien – und schließlich an die Institutionen.

Ω Ω Ω

Die Partei der Demokraten traute sich dennoch nicht, auf eine radikale Reform und einen entsprechenden Kandidaten oder eine Kandidatin zu setzen. Stattdessen kürte die Partei mit Joe Biden einen Insider, der seit mehr als 40 Jahren in Washington ist. Der jahrzehntelang als Senator den Bundesstaat Delaware vertrat, eine US-interne Steueroase, und dessen Freundlichkeit gegenüber der Finanz­industrie ihm den Spitznamen „Senator Kreditkarte“ eintrug. Dass die Wall Street sich mit einem Sieg Bidens anfreunden könnte, wie das Wall Street Journal berichtete, kann da nicht überraschen.

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